Lebensreform & Lustbürger


beschreiben die Coronaleugner:innen-Szene als eine neue Lebensreformbewegung und ziehen Vergleiche zu den Lebensreformer:innen im frühen 19. Jahrhundert. War die damalige Kritik an Industrialisierung und Kapitalismus aber nicht inhärent links? Schon damals hatten wir eine Such- und Gegenbewegung von Menschen, die sich berechtigte Sorgen machten. Die Lebensreformer:innen beklagten die «Entzauberung» der Welt. Sie befürchteten, wie es auch Karl Marx formuliert hat, dass Ratio und Logik zu einer Entfremdung von uns selbst, unseren Mitmenschen und der Natur führen würden und letztlich zur Zerstörung des Mitmenschlichen und der Natur. Der Fortschritt führte damals zu desaströsen gesellschaftlichen Entwicklungen, vom Raubbau an Mensch und Natur bis zu Börseneinbrüchen und Umweltzerstörung. Auch heute erleben wir massive Erschütterungen. Vor wenigen Jahren hatten wir massive Wirtschaftskrisen und die Debatte um den Euro. Wir spüren die fortschreitende Digitalisierung von Arbeit und Alltag und die Auswirkungen der forcierten Neoliberalisierung. Auch der Klimawandel, der unserer Lebens- und Arbeitsweise klare Grenzen setzt, rückt immer mehr ins Bewusstsein. Viele Menschen finden berechtigterweise, dass wir so nicht leben sollten. Die Forderung nach einem «Zurück zur Natur» ist heute viel weiter verbreitet als noch vor ein paar Jahren. Wie bei der Lebensreformbewegung des 19. Jahrhunderts sind aber auch in der aktuellen Suchbewegung sowohl emanzipatorische Hoffnungen als auch reaktionäre Vorstellungen virulent.

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