Mond

Unbekannt
Mond

I

Wie unerbittlich aber schwellest du
kleiner Modistinnen einsames Herz
und polternder Klaviere Himmelssehnsucht.

Wie unerbittlich streutest du dein Leuchten
in dunkelnde und fröstelnde Alkoven
und hinters Gitter der Gefangenen.

Aus der entbrannten Hölle ihres Herzens
schrien die Menschen und verzweifelten
und rissen sich die Brust im Irrsinn auf
und starben dran, daß du so schön gewesen.

II

Und als du plötzlich, wie ein wunder Vogel,
vom Himmel flattertest und deine Flammen
in roten Federn niederfallen ließest:

Wie gräßlich fuhr dein Strahl über die Erde!
Die Tiere hatten Phosphor in den Augen,
die Häuser brannten ab wie Scheiterhaufen.

Die Menschen, die um dunkle Plätze irrten,
Apachen und Kokotten und Gendarmen,
sie glaubten wie Indianer an dein Sterben
und feierten den Tod in dieser Nacht.

III

Wie sollten wir dich anders denn verstehn,
o roter Mund, der sündig sich verzerrte;
wir Schmachtenden, auf stummer Erde hockend!

Kalt in Mansarden warfst du dein Gemecker,
und über die verstummten Krankensäle
ließest du goldne Lerchen zwitschern.

Wir alle standen an die Welt gekreuzigt
und mußten dich mit unsern Augen schaun,
und mußten an den Schmerz und an das Sterben glauben
und mußten doch noch immer weiter hoffen!

IV

Und eines Nachts troff Blut auf unser Antlitz:
Dein Blut, zu unsres Krieges Blut gemischt,
rann um die Erde wie ein runder Ring.

Verwundete, tiefkniend bei Kartätschen,
aufschäumten ihre Lippen von dem Roten,
und Sterbende ersoffen an dem Trank.

Es war kein Heil im Himmel noch auf Erden:
Wir mußten unsre Häupter tief vergraben,
wir mußten unsre Lieben tief verschütten,
und klagten, daß wir eher nicht gestorben.

V

Doch da, als Tänzer und geschminkte Maske,
befreitest du die Gräber. Säulen barsten,
der Marmor klirrte, Kränze lösten sich.

Aus deinem Schwelen gläsern stieg ein Christ,
und blau bemalte, blecherne Marien
erstrahlten mitten in Geranientöpfen.

O Tänzer, der die Toten all erlöste,
indessen wir in Schutt und Schmerz und Schlaf
hinschnarchten und ein Glück verschmähten:
Die Toten lebten und wir waren tot.

Verknoten & Verknüpfen

Knoten hinzufügen Anmelden
Teile das Werk in sozialen Medien
 
QR Code
2020-02-28 07:24:00
Yvan Goll
27.02.1950 in Paris
Yvan Goll
deutsch-französischer Schriftsteller. Einige seiner Werke veröffentlichte der Schriftsteller unter dem Pseudonym Iwan Lassang.


saved
error
removed